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Interview

Interview mit Friedemann Schuchardt

Medienpädagogischer Kurs für ErzieherInnen erfolgreich abgeschlossen

In den Räumlichkeiten des Staatsministeriums fand in diesen Tagen das letzte Modul der ersten Runde des Kurses „Medienwerkstatt Kindergarten“ statt. Eine zweite Runde der Workshopreihe ist für 2016 bereits geplant. Fachkräfte aus Kindertagesstätten lernten in der Medienwerkstatt wie man für das Vorschulalter eine altersgerechte und sinnvolle Medienpädagogik anlegen kann. Zum Abschluss des Kurses übergab der stellvertretende Leiter des Referats Rundfunkpolitik und Medien am Staatsministerium Baden-Württemberg, Philipp Franke, den Teilnehmer ihre Zertifikate. Wir sprachen mit Friedemann Schuchardt, dem Leiter von „Medienwerkstatt Kindergarten“ über die Module und den Handlungsbedarf in Sachen Medienpädagogik in Kindertagesstätten.

Herr Schuchardt, worum ging es heute?

Friedemann Schuchardt: Wir haben heute das achte Modul veranstaltet. In diesem Modul ging es um das Thema „Medienerziehung und Eltern“. Dabei haben wir erläutert, welche Einrichtungen, Informationen und Institutionen rund ums Thema „Medien“ für Erziehende existieren. Wir haben unter anderem erklärt, was es mit der Filmselbstkontrolle (FSK) auf sich hat. Wenn zum Beispiel auf einem Film „FSK 6“ steht, dann ist das lediglich eine Jugendschutzfreigabe und keine pädagogische Empfehlung zu diesem Film.

Wie war das Feedback der Teilnehmer?

Friedemann Schuchardt: Wir haben nach dem sechsten Modul eine Zwischenbilanz gezogen, die zeigte, dass die Teilnehmer das Gelernte auch in der Praxis umsetzen können. Beim siebten Modul ging es um Selbsterfahrung und Elternarbeit, was ein ungeheuer positives Echo ausgelöst hat. Jetzt zum Abschluss machen wir dann nochmals eine Evaluation.

Die glücklichen Absolventen der Medienwerkstatt Kindergarten. Links im Bild: Philipp Franke (stellvertretender Leiter des Referats Rundfunkpolitik und Medien am Staatsministerium Baden-Württemberg).

„ErzieherInnen müssen kompetent und umfassend ausgebildet werden.“

Wo sehen sie den größten Handlungsbedarf in Kindertagesstätten?

Friedemann Schuchardt: Es wurde ja aktuell die miniKIM-Studie 2014 veröffentlicht. Neben vielen Daten finde ich bezeichnend, dass zwei Drittel der Eltern sagen, dass sie seitens des Kindergartens entsprechende Informationen und Fachkompetenz wünschen, wenn es um Medien geht. Wenn ich das ernst nehme, wäre hier ein erheblicher Bedarf. Sicher ist, dass wir es im gesamten Bundesgebiet mit einer erhöhten Skepsis der ErzieherInnen gegenüber Medien und Medieneinsatz zu tun haben. Mit dieser ablehnenden Haltung werden ErzieherInnen nicht die vielfältigen Fragen der Eltern beantworten können. Mir scheint es ganz wichtig zu sein, dass dieses defensive Verhalten abgebaut wird, das Medien im Kindergarten nur ablehnt. ErzieherInnen müssen kompetent und umfassend in diesem Bereich ausgebildet werden.

Die aufmerksamen Teilnehmer bei der Abschlussveranstaltung.

„Das eigentliche Problem liegt ja nicht bei den Kindern, sondern bei den Eltern.“

Was wäre ein gesunder Mix aus aktiver Medienarbeit und Jugendmedienschutz-Themen?

Friedemann Schuchardt: Beides ist wichtig. Der Teil der aktiven Medienarbeit spielte in unserem Kurs eine ganz große Rolle. Das größte Erlebnis war dabei, zusammen mit Kolleg/inn/en und Kindern einen eigenen Trickfilm herzustellen. Beim Jugendmedienschutz dreht es sich um die Frage, wie wir als Erwachsene mit der Psyche der Kinder umgehen, was wir den Kindern zumuten (wollen). Der Jugendschutzgedanke sollte sich nicht nur in Verboten erschöpfen. Man kann den Eltern nicht einfach sagen, dass ein Kind „bei einer Stunde täglich fernsehen in der Irrenanstalt landet“. Das wäre nur ein angstbesetzter Erklärungsansatz. Wichtiger wäre es, zusammen mit den Eltern zu überlegen, was da mit den Kindern überhaupt passiert. Sie zu fragen, ob sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht haben, was ein Vierjähriger überhaupt mitbekommt. Sowas sollte man mit den Eltern überlegen. Das eigentliche Problem liegt ja nicht bei den Kindern, sondern bei den Eltern. Das stellen wir insbesondere in den begleitenden Maßnahmen fest, die in unseren Einrichtungen stattgefunden haben. Die Kinder lassen sich begeistern. Die Kinder sind überhaupt nicht die Süchtigen. Das Problem liegt darin, was sich im Elternhaus abspielt. In den letzten Wochen habe ich immer Aussagen wie diese von Eltern gehört: „Ich weiß, dass meine Familie mediensüchtig ist. Ich weiß, dass ich jeden Tag vier Stunden vor dem Computer sitze. Ich werde das aber nicht ändern.“ Die gleichen Eltern fordern aber, dass man sich im Kindergarten mit dem Medienkonsum ihrer Kinder auseinandersetzt. Diese Beispiel zeigt, dass die Herausforderung in den Kitas steigt, weil die Eltern-Generation ja mittlerweile auch schon mit digitalen Medien aufgewachsen ist.

Würden Sie sagen, es geht hier um fehlende Technik-Kompetenz oder um die Kompensation anderer Dinge?

Friedemann Schuchardt: Das Grundproblem besteht darin, dass Medien zur Affektregulierung benutzt werden und das auch konsumtiv. Das bedeutet, dass jemand versucht mit Medien negative Ereignisse emotional zu verdauen. Früher sind die Erwachsenen müde von der Arbeit nach Hause gekommen und haben sich aufs Sofa vor den Fernseher gesetzt. Die jüngere Generation setzt sich anstelle vor den Fernseher vor den PC. Der Medienträger hat sich also geändert, die Nutzung im Sinne der Affektregulierung ist aber die gleiche geblieben.

Die Teilnehmer erprobten die Erkenntnisse aus der Medienwerkstatt Kindergarten in ihren eigenen Einrichtungen. (Foto: Friedemann Schuchardt)

„In jede Einrichtung gehört heutzutage mindestens ein Laptop oder ein Tablet.“

Was müsste bei den Kindertagesstätten bezüglich der Ausstattung passieren? Mehr Anschaffungen oder eher Ausleihkonzepte?

Friedemann Schuchardt: Angenommen, eine Einrichtung will einen Trickfilm herstellen. Dann müsste eine Einrichtung sich den Trickfilmkoffer ausleihen, der ja in Baden-Württemberg bestens bekannt ist. Die Medienzentren bieten ja eine Reihe von Geräten an, die man sich ausleihen kann. Den Trickfilmkoffer aber sich ständig auszuleihen, kann auf Dauer problematisch sein. Deswegen motivieren wir unsere Teilnehmer, diesen Koffer sich in Eigenregie herzustellen. Es existieren ja dazu verschiedene Anleitungen. Das ist bei zwei Einrichtungen, die an unserem Kurs teilgenommen haben, so passiert.

Welche technische Ausstattung empfehlen Sie den Einrichtungen?

Friedemann Schuchardt: Früher war es Standard, dass Kindergärten über einen Diaprojektor verfügen. Wenn Sie die Preissteigerung miteinbeziehen, war der Diaprojektor damals viel teurer als heutzutage ein Beamer. In jede Einrichtung gehört heute mindestens ein Laptop oder ein Tablet. Dazu gehört noch ein Beamer sowie vernünftige Lautsprecher. Damit kommt man schon sehr weit. Mit den Tablets kann man ja schon Dinge machen, die man mit den anderen Geräten nicht machen konnte. Man kann damit Audio, Video, Fotos produzieren und sogar mit einem haptischen Erlebnis verknüpfen. Z. B. könnte man mit den Kindern in den Wald gehen und mit einem USB-Mikroskop die Pflanzen bewundernd beschreiben.

Wie weit ist die Mediennutzung im Vorschulalter entscheidend für die zukünftige Mediennutzung?

Friedemann Schuchardt: Der Einfluss darauf ist wesentlich. Medienerziehung über Aktivierungsprozesse, wie z. B. selber Diabilder, Audio- oder Video-Dateien herstellen, ist für die Kinder prägend. Wenn 6- oder 7-jährige einen Trickfilm selber gemacht haben, dann schauen die sich das Fernsehen viel kritischer an. Die merken dann sogar, wenn was schlecht geschnitten ist und sagen das. Wenn sie selber etwas Praktisches machen, dann ist das für sie ein prägendes Ereignis. Dadurch können bereits die ersten Berufswünsche entstehen, wenn ein Kind bereits mit 7 Jahren einen guten Blick fürs Visuelle hat.